»Womxn of the world unite!«

26.3.2020


von Katrin Voß und Julia Wiedemann

Was passiert, wenn sich Frauen aus linken Parteien aus allen Teilen dieser Welt zusammenfinden, um über feministische Strukturen in ihren Parteien und ihrer Gesellschaft zu reden? Haben wir gemeinsame Ziele, die uns antreiben? Welchen strukturellen Schwierigkeiten begegnen wir als Frauen in unserer Gesellschaft, aber auch innerhalb unserer Parteien? Was können wir voneinander lernen? Gelingt es, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln? Um das herauszufinden, haben wir, der Bereich Internationale Politik der Bundesgeschäftsstelle der Partei DIE LINKE, zu einem zweieinhalbtägigen Workshop nach Essen eingeladen.

Insgesamt nahmen 40 Teilnehmerinnen von vier Kontinenten aus 25 Ländern teil. Frauen aller Altersgruppen, mit ganz unterschiedlichen kulturellen, religiösen, aber auch sehr diversen Parteihintergründen. So trafen während des Workshops Frauen aus Parteien mit langer und revolutionären Geschichte, wie die der Kommunistische Partei Kubas, auf Frauen aus neugegründeten Parteien, wie der ehemaligen Bewegung »Widerstand und Alternative« aus Mauritius, die sich überwiegend mit klimatischen Veränderungen und der Vereinnahmung von öffentlichen Stränden durch Investoren auseinandersetzt. Die Darstellung des Erreichten in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit in Finnland schien weit entfernt von den Herausforderungen, denen sich die Frauen in Senegal stellen müssen, einem Land, in dem die Genitalverstümmelung von Frauen noch immer ein großes Problem darstellt. In der Vorbereitung des Treffens kam immer wieder die Frage auf, welche Gemeinsamkeiten können wir herausarbeiten, wie kommen die Frauen miteinander ins Gespräch bei all ihren Unterschieden? Wem wird der Austausch nutzen? Welche Form sollten wir wählen, um einen vertrauensvollen intensiven Dialog zu ermöglichen? Auf Konferenzen finden oft die interessantesten Gespräche auf den Fluren in den Pausen statt. Gelingt es, trotz aller Unterschiede, genau diese Gespräche zum eigentlichen Hauptanliegen dieses Treffens zu machen?

Erwartungen übertroffen

Es gelingt! Unsere Erwartungen an einen solchen Austausch wurden weit übertroffen. Bereits innerhalb der ersten Minuten wurde klar, dass hier Frauen aufeinandertreffen, die tagtäglich gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten begegnen und mit ganzer Kraft engagiert sind, gegen diese vorzugehen. »I love trouble, because trouble means change.«, mit diesen Worten begann Utaara Mootu aus Namibia ihre Vorstellung in der Kennenlernrunde. Die kämpferische junge Frau strahlte bei diesen Worten und setzte sich die Mütze ihres Vaters auf, der sie inspiriert hatte, in die Politik zu gehen. Sich als Frau innerhalb einer linken Partei zu engagieren, sich durchzusetzen und immer wieder für Gleichberechtigung kämpfen zu müssen, verband alle Frauen miteinander. Dies schuf eine große Gemeinsamkeit und ein gegenseitiges Vertrauen, über den gesamten Zeitraum des Workshops und darüber hinaus.

Gemeinsam wurden Themen gesammelt, die in kleineren Gruppen diskutiert wurden. Zum Beispiel: Wie kann das Bündnis zwischen Frauen­bewegungen und linken Parteien gestärkt werden? Wie können wir eine gemeinsame Agenda für unsere feministische Politik aufstellen? Große Kontroversen löste die geführte Debatte zur jeweiligen Positionierung zum Thema Abtreibung aus. Die Frauen führten eine solidarische Debatte. Sie hörten einander zu, um die verschiedenen Kontexte kennenzulernen und voneinander zu lernen, ohne sich dabei gegenseitig zu verurteilen. All die feministischen Themen wurden immer wieder in den jeweiligen regionalen Kontext gebracht. Insbesondere die Entwicklungen durch autoritäre Kräfte in Brasilien unter Bolsonaro, in den Philippinen unter Duterte, in Indien unter Modi oder in Tansania unter Magufuli haben die ohnehin schwierigen Situationen der Frauen in den Ländern weiter verschlechtert. So müssen seit Kurzem junge Frauen in Tansania, die in während der Schulausbildung schwanger werden, die Schule verlassen. Sie dürfen auch nach der Geburt nicht mehr an die Schule zurückkehren, ein Schulabschluss bleibt ihnen damit verwehrt. Familien in Tansania, die Verhütungsmittel verwenden, werden beschuldigt, nur »zu faul zum Arbeiten« zu sein. In den Philippinen motiviert Präsident Duterte in aller Öffentlichkeit Soldaten zu Vergewaltigung. Indiens Ministerpräsident Modi weist Gleichberechtigung als »westliches« Konzept zurück. Bolsonaro schürt Hass gegen Frauen, LGBTIQ und Minderheiten.

Erst der Anfang

Veränderungen, die mit dem Klimawandel einhergehen, beschäftigten alle. Frauen sind hiervon weltweit am stärksten betroffen. In der Analyse der verschiedenen Hintergründe waren sich alle einig, dass es einen Zusammenhang mit dem kapitalistischen System gibt und feministische Kämpfe auch immer Kämpfe gegen den Kapitalismus sein müssen. Eigentumsverhältnisse und damit verbundene Ausbeutungsverhältnisse treffen Frauen besonders und benachteiligen sie.

Neben den größeren globalen Themen war die Themenvielfalt auch in kleineren Gesprächen am Rande sehr vielfältig. Welche Erfahrungen bei der Gründung von Frauen­­strukturen bestehen? Ob es in Deutschland ähnlich wie in Indien sei, dass Alleinerziehende gesellschaftlich geächtet werden und somit vereinsamen? Auch nach den sehr intensiven Tagen des Austausches, war allen Teilnehmenden klar, dass dies nur ein Beginn sein kann. Es blieb noch immer zu wenig Zeit für zu viele Themen. Dieser Austausch muss fortgesetzt werden. Die geschaffene Verbindung muss erhalten bleiben. Die Motivation und die Energie, die uns dieses Treffen gebracht hat, dürfen nicht einfach so verschwinden. Der kontinuierliche Austausch und eine globale Vernetzung ist eine Grundvoraussetzung dafür, die Situation von Frauen zu verbessern und ihre Gleichstellung in den Parteien und in der Gesellschaft voranzutreiben. Daran werden wir gemeinsam arbeiten. 


Die Autorinnen sind Mitarbeiterinnen des Bereichs Internationale Politik der Bundesgeschäftsstelle der LINKEN


Dieser Artikel erschien zunächst in Oktober 2019 in Disput


 

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