Ferid Hemo

Brief aus Rojava

Am 9. Oktober 2019 griffen die türkische Armee und deren dschichadistische Verbündete den Norden Syriens an, um die Autonome Verwaltung Rojavas zu vernichten. Wegen der restriktiven Medienpolitik der Türkei erreichten uns nur sehr wenige Bilder und Informationen aus der Region. Nun schreibt uns ein Lehrer aus Rojava.

Ich möchte Ihnen von einer erschütternden menschlichen Tragödie berichten. Bevor ich den Versuch starte, Gehör für Syrien/Rojava zu verschaffen, halte ich es jedoch für nötig, ein Paar einleitende Worte zu formulieren.

Jeder von uns interessiert sich mehr oder weniger für Geschichte. Während wir in der Geschichte der Menschheit herumstöbern, empfinden wir Aufregung, Wut oder Freude. Wahrscheinlich weil jeder darin ein Stück von sich selbst wiederfindet. Sich als Mensch wiederfindet... Geschichte ist also universal. Die Gegenwart ebenso. Wer von uns kann behaupten, sich von erfreulichen oder traurigen Ereignissen auf der Welt völlig abgrenzen zu können? Vor allem, weil mit der Globalisierung die Entfernungen geschrumpft sind.

Aber stimmt das? Sind wir uns tatsächlich so nah? Schön wär's, ist es aber nicht. Man lässt uns glauben, wir seien uns sehr nah, aber die Entfernung zwischen uns ist immens.

Ich bin mir sicher, dass ein Großteil der Menschen von den Ereignissen in Rojava und Syrien gehört haben. Doch wie viele sind sich bewusst, was dort tatsächlich geschieht? Ich spreche vom Bewusstsein, weil, ähnlich wie die Weltgeschichte, auch die Ereignisse in Rojava das Potenzial haben das Gewissen und das Selbstverständnis der Menschen zu erschüttern.

Die türkische Regierung hat am 9. Oktober einen barbarischen Angriff auf Rojava gestartet, und dort, wie ich glaube, auch von chemischen Waffen Gebrauch gemacht. Sie, werte Lesende, erreichte davon lediglich das Foto des verbrannten, zerfetzten Körpers eines Jungen. Wieviele von Ihnen haben die Qualen jenes Jungen nachvollziehen können oder den Versuch gemacht sich in ihn hineinzuversetzen?

Und wissen Sie, dass hunderttausende Kinder, Frauen und alte Menschen dazu gewzungen wurden, ihre Heimat zu verlassen, dass ein Teil von ihnen schwer verletzt und ermordet wurde? Wieviele Details des Unterfangens kennen Sie, das der türkische Staat orchestriert, um einen Massenmord zu begehen, zusammen mit barbarischen Dschihadisten? Sind Sie sich darüber im Klaren, dass der vermeintlich besiegte IS und seine Ideologie durch Erdoğan und den türkischen Staat reanimiert wurde? Noch wichtiger ist es für Sie zu wissen, dass diese Barbaren, die heute dafür benutzt werden das kurdische Volk anzugreifen, auch eine große Gefahr für Sie alle darstellen? Erdoğan scheut nicht davor zurück, täglich der gesamten Welt zu drohen, indem er Anspielungen auf die bewaffneten Banden macht, die unter seiner Kontrolle agieren.

Doch was war passiert, bevor Erdoğan Rojava angriff? Vielleicht haben Sie davon gehört: Hunderttausende Dschihadisten aus aller Welt wurden klandestin organisiert und fielen in Syrien und Rojava ein. Diese Gruppen tragen ganz unterschiedliche Namen. Die erbarmungsloseste Gruppe unter ihnen ist der sogenannte IS. Dass die türkische Regierung die Strippenzieherin dieser geheimen Mission ist, wurde anhand unzähliger Aussagen von IS-Kämpfern und durch Dokumente nachgewiesen. Diese Dschihadisten wollen ein islamisches Kalifat gründen, das Asien, Europa und Afrika umfasst.

Ihre ersten Ziele waren der Irak und Syrien. Dort eroberten Sie mit Gewalt und Methoden, die es nicht einmal im Mittelalter gegeben hat, in nur kurzer Zeit großes Territorium. Die Angst, die sie auslösten, erschütterte die gesamte Welt. Als erstes fielen diese Barbaren in die kurdischen Gebiete ein. Sie gelangten bis vor die Tore der kurdischen Stadt Kobanê. Obwohl deren Bewohner und die kurdischen Kämpfenden Geschichtsträchtigen Widerstand leisteten, mussten sie sich schließlich in einen kleinen Stadtteil zurückziehen. Erdoğan war vom Sieg des IS überzeugt. “Kobanê ist kurz davor zu fallen!”, jubelte er mit sichtlicher Freude.

Das Bündnis gegen den IS, angeführt durch die USA, schaute bis dahin tatenlos zu. Dann beschlich das Büdnis Ängste, die Welle der Gewalt könne bis nach Europa schwappen. Es bot den Kurden Hilfe an. Die Kurden nahmen die Hilfe an.

Die Zusammenarbeit zwischen Kurden und dem Bündnis intensivierte sich und führte schließlich zur militärischen Niederlage des IS. Ein wichtiges Detail wurde jedoch übersehen. Während das Bündnis und die kurdischen Kämpfer der YPG/YPJ den IS in Rojava und Syrien bekämpfte, arbeitete Erdoğan daran, Kinder der in die Türkei geflüchteten Syrer als neue Kämpfer für IS-artige Organisationen zu rekrutieren. Diese hatten lediglich andere Uniformen an und trugen andere Abzeichen. Ideologie und Methoden waren jedoch identisch mit denen des IS: Man nannte sie die Nationale Armee Syriens.

Viele erwarteten folgerichtig, dass die Zusammenarbeit der Kurden und des Bündnisses im Kampf gegen diesen IS in Camouflage-Kleidung fortgeführt werde. Es kam anders. Hinter verschlossenen Türen wurden neue Pläne geschmiedet und schließlich die Waffen gegen die Kurden gerichtet.

US-Präsident Donald Trump traf ein Übereinkommen mit Erdoğan, Putin stimmte zu und der erbarmungsloseste Angriff auf das kurdische Volk beginnt. Der türkische Staat greift an mit NATO-Waffen, Kampfjets, Panzern und Artillerie. Unterstützt durch zehntausende barbarische Dschihadisten geht er gegen kurdische Kämpfende vor, die über bescheidene militärische Mittel verfügen. Die Weltöffentlichkeit ist schockiert, aber der Angriff nimmt kein Ende. Im Visier ist die Autonome Verwaltung Nord- und Ostsyrien, die seit 2012 alle Angriffe abwehrt und in der arabische, assyrische und viele andere ethnische und religiöse Gruppen unter kurdischer Führung eine beispielhafte demokratische Lebensweise ins Leben riefen.

Doch Trump erklärte, Erdoğan sei ein hervorragender Führer, der in seinem Namen das syrische Öl sichere. Putin sprach vom Einheit Syriens. Gemeinsam zeigten sie mit ihren Fingern auf die “mutigen Kämpfern” von gestern, die Kurden. Die Kurden wurden als Opfer wirtschaftlicher und imperialistischer Pläne großer Staaten auserkoren.

Der Angriff währt noch. Wird er nicht beendet, kann er noch größere Katastrophen verursachen. Aber eines muss gesagt werden: Diese dreckige interessengeleitete Maschinerie, die heute dem kurdischen Volk großes Leid beschert, kann sich morgen gegen Sie wenden. Der 'neue' IS, unter Führung des Präsidenten Erdoğan, kann noch größere Verheerungen anrichten. Falls die Kurden weiterhin geopfert werden, könnte es morgen keine mutigen YPG/YPJ/QSD-Kämpfer*innen mehr geben. Wenn Sie heute den qualvollen Schrei des Jungen nicht hören, dessen Körper verbrannt wurde, kann es passieren, dass Sie in nur wenigen Jahren bereuen, nicht hingehört zu haben. Dann wird es aber zu spät sein. Ihr heutiges Schweigen, könnte morgen den Weg in die Katastrophe ebnen.

Wie unsere Dichter sagen: “der Schrei eines Vogels erfüllt die ganze Welt, sein Schweigen jedoch reicht darüber hinaus...”


Ferid Hemo ist ein Lehrer in Rojava/Syrien


 

 

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