Jelena Bjelica und Ali Mohammad Sabawoon

Geiseln regionaler Spannungen

Die pakistanische Regierung droht afghanischen Flüchtlingen mit kurzfristiger Ausweisung. Sie hat ihre Flüchtlingsausweise im letzten Moment verlängert - allerdings lediglich für zwei Monate. Ohne diese Verlängerung wäre eine enorme Zahl von Menschen gezwungen, mitten im Winter und einer volatilen Sicherheitslage nach Afghanistan zurück zu kehren, weil ihre Ausweise ab 31. Januar nicht mehr gültig wären. Pakistan zeigte sich knapp vier Jahrzehnte großzügig gegenüber afghanischen Flüchtlingen. Doch in den letzten Jahren erhöht Islamabad den Druck. Im Jahre 2016 schob das Land über eine halbe Millionen Flüchtlinge ins Nachbarland ab.

2018 begann mit ähnlich harschen Absichtserklärungen. „Nach dem 31. Januar werden keine Flüchtlingsausweise mehr verlängert“, gab ein hoher Mitarbeiter der pakistanischen Regierung gegenüber der Tageszeitung Dawn bekannt: „Sie werden nach Hause gehen müssen.“

Politik und Flüchtlingsausweise

Pakistans Strategie, die Verlängerung der Flüchtlingsausweise zu verweigern oder nur kurzfristig zu genehmigen, geht laut der pakistanischen Tageszeitung Tribune, auf die immer feindlichere Haltung Kabuls gegen Pakistan und den Druck aus Washington zurück. Der pakistanische Botschafter in Washington erklärte kürzlich, die afghanischen Flüchtlinge in Pakistan seien ein Sicherheitsrisiko für ihre Gastgeber geworden. „Ihre Jugendlichen werden von terroristischen Gruppen angeheuert“ sagte Chaudary, „wir werden sowohl die Haqqanis, als auch die Taliban zusammen mit den afghanischen Flüchtlingen, die in Pakistan leben, in ihr Land abschieben.“

Die Wende in der US-Politik gegenüber Pakistan (US-Präsident Donald Trump sagte, die Überzeugungsarbeit in Pakistan müsse intensiviert werden, damit das Land ihre Unterstützung für die Taliban beende) und die Aufstockung der US-Militäreinheiten in Afghanistan, während gleichzeitig Kabul die Beziehung zu Indien vertieft, scheinen Pakistan zu ermuntern, die Flüchtlingsausweise nicht mehr zu verlängern. Afghanische Flüchtlinge dürften sich wie Geiseln einer Situation fühlen, auf die sie keinen Einfluss haben.

Flüchtlingsorganisationen sind besorgt

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani sagte bei einem Treffen des Afghanischen Hohen Rates zur Migration letzte Woche, eine mögliche bevorstehende Rückkehr der Flüchtlinge müsse als nationaler Notstand eingestuft werden. Internationale Organisationen versuchen zwischen beiden Ländern zu vermitteln, um eine Absprache zu erreichen. Die Stellvertretende Vorsitzende der Internationalen Organisation für Migration (IOM) Sarah Craggs sagte dem Afghanistan Analysts Network (AAN) Afghanistan und seine Bevölkerung kämen „in eine sehr gefährliche Lage“, wenn Pakistan die Flüchtlingsausweise nicht verlängerte. „Es wäre äußerst destabilisierend“ sagte Craggs. Die Menschen, die bisher zurückkehrten, besitzen kein Land und hätten keinen Zugang zu den elementarsten staatlichen Dienstleistungen.

Seit 2001 kehrten aus Pakistan insgesamt mehr als 3,6 Millionen afghanische Flüchtlinge in ihre Heimat zurück. Am Anfang drängten UNHCR, internationale Geldgeber und die afghanische Regierung darauf, die Flüchtlinge ins Land zurück zu bringen, weil dies ein Beweis für die Beliebtheit des neuen Regimes gewesen wäre. In den Jahren nach dem Sturz des Talibanregimes schienen die Bedingungen in Afghanistan für Rückkehrer tatsächlich günstig. Im Jahre 2002 kehrten über 1,6 Millionen und von 2003 bis 2015 jährlich 50 bis 400 Tausend Menschen in ihr Land zurück.

Dann, im Sommer 2016, wuchs diese Zahl unvermittelt auf über 600 Tausend. Vielen Flüchtlingen wurden 48 Stunden bis eine Woche Zeit gegeben, um Pakistan zu verlassen. Unter ihnen waren solche, die seit der sowjetischen Besatzung Afghanistans (1979-89) in Pakistan lebten. Zahlreiche jüngere Flüchtlinge und deren Kinder hatten noch nie in Afghanistan gelebt . Viele der Rückkehrer fanden sich in ihrer Heimat in einer prekären Lage, ohne Arbeit oder eine angemessene Unterkunft.

Der Grund für die abrupte Massenrückkehr war laut den UN und Menschenrechtsorganisationen die Angst der afghanischen Flüchtlinge vor Schikanen und Unterdrückung durch die pakistanischen Behörden. Die IOM schätzt die Zahl der noch in Pakistan residierenden Afghanen auf ungefähr 2,4 Millionen, wovon 1,1 Millionen keine gültigen Papiere besitzen sollen.

Folgen für Afghanistan und Pakistan

Die Rückkehr einer großen Zahl afghanischer Flüchtlingen brächte Afghanistan unter enormen Druck. Die afghanische Regierung ist bereits mit der Aufgabe überfordert, die 2016 zurückgekehrten Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen. Wer heute zurückkehrt, wird nicht nur Nahrungsmittel, eine Unterkunft und die elementaren staatlichen Dienstleistungen brauchen, sondern auch ein sicheres Umfeld, um von diesen profitieren zu können.

Eine Rückkehr hätte auch auf Pakistan eine negative Auswirkung. Auch wenn viele Flüchtlinge in Pakistan arm sind und von Islamabad als eine wirtschaftliche Last angesehen werden, tragen sie mit ihrer Arbeitskraft zur pakistanischen Wirtschaft bei. Als 2016 die pakistanische Regierung beschloss, die afghanischen Flüchtlinge aus dem Land zu drängen, berichteten Zeitungen im pakistanischen Beludschistan, die Banken seien „leergeräumt“, als die Rückkehrer alle ihre Ersparnisse auf einmal abhoben.

Flüchtlinge sind verunsichert

In Pakistan wohnende Afghanen sind besorgt über eine mögliche Abschiebung. Auch lokale NGOs drücken ihre Sorgen aus. So bat das Komitee der afghanischen Flüchtlinge in Peschawar, zum Beispiel, die pakistanische Regierung, zumindest um eine einjährige Verlängerung der Flüchtlingsausweise. Die Organisation betonte, afghanische Flüchtlinge fürchteten „Unsicherheit, nächtliche Überfälle der US-Streitkräfte und die Präsenz des IS sowie der Taliban.“ Dies seien die Hauptgründe, die die Entscheidung der Menschen beeinflussten, wenn es um ihre Rückkehr geht.

Auch der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC) veröffentlichte kürzlich einen Bericht, in dem er verschiedene Gastgeberländer, unter anderem auch Pakistan, dazu aufrief, keine afghanischen Flüchtlinge zu deportieren, in einer Zeit, in der die Sicherheitslage in Afghanistan sich verschlechtere. Die Frage ist, ob solche humanistische Sorgen auch für die Machthaber so wichtig sind, die über das Schicksal dieser Menschen entscheiden.

Jelena Bjelica ist Journalistin und arbeitet seit Oktober 2015 als Analystin bei AAN. Davor arbeitete sie beim Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Kabul und im Afghanistanzentrum der Universität Kabul.

Ali Mohammad Sawaboon arbeitet als Rechercheur bei AAN.

Dieser Artikel ist eine stark gekürzte und redigierte Version des englischen Originals. Dieses können sie auf der Webseite der Afghanistan Analysts Network (AAN) lesen:

www.afghanistan-analysts.org/still-caught-in-regional-tensions-the-uncertain-destiny-of-afghan-refugees-in-pakistan/

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Wichtiger Hinweis: Namentlich gezeichnete Beiträge geben die persönliche Meinung der Autorin bzw. des Autoren wieder.