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Rojava

Kurden in Syrien: Gegen den IS, gegen die Türkei

von Thomas Schmidinger

Bild: Thomas Schmidinger
Diese Statue in Kobane erinnert an die Schlacht gegen den IS im Jahr 2014. Heute bereiten sich die Bewohner der Stadt auf einen türkischen Angriff vor.

 

7.2.2019

Es sind vereinzelte Schüsse, die von der nahen Grenze zu hören sind. Sie ziehen sich über eine Stunde hin. Gut informierte Freunde sagen, türkische Soldaten hätten einen Bauer angeschossen. Der große türkische Angriff ist das nicht und wird die politische Entwicklung nicht entscheidend bestimmen. Dennoch sind die Kurden im Nordosten Syriens seit der Ankündigung des Abzugs der US-Armee durch US-Präsident Trump alarmiert.

Ihre militärischen Kräfte bereiten sich auf den Ernstfall vor. Den hochmotivierten Volksverteidigungseinheiten YPG und ihren arabischen, christlich-aramäischen und turkmenischen Verbündeten im Militärbündnis "Syrische Demokratische Kräfte" würde auf jeden Fall gelingen, den Preis für die Eroberung Nordostsyriens in die Höhe zu treiben.

Sie sind kampferfahren. Seit 2015 haben sie im Bündnis mit den USA den IS erfolgreich bekämpft. Spezialeinheiten der Syrischen Demokratischen Kräfte, darunter auch kurdische Kämpfer der YPG, wurden von US-Spezialisten trainiert. Die Armee der Autonomieverwaltung Nordostsyriens, wie sich das politische Projekt seit Dezember nennt, ist besser bewaffnet denn je. Sie verfügt über Panzer und Panzerabwehrraketen. Bei einem reinen Bodenkampf hätten die Syrischen Demokratischen Kräfte durchaus gute Chancen gegen die türkische Armee. Das einzige was ihnen fehlt ist eine Luftwaffe. Diese hatte ihnen in den letzten vier Jahren die US-Army gestellt. Wenn diese abzieht, wird sie nicht nur gegen den IS fehlen.

Angst vor einem zweiten Afrin

Genau aus diesem Grund konnte Anfang 2018 in Afrin im nordwesten Syriens die überlegene Luftwaffe der Nato-Armee den kurdischen Widerstand schließlich brechen. Mit den Kämpfern verließen über 150.000 Zivilisten Afrin. Die Meisten harren bis heute in notdürftig aufgestellten Zeltlagern, die zwar von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten kontrolliert werden, aber von der Regierungsarmee umschlossen und auf deren Duldung angewiesen sind.

In Kobane, wo vor vier Jahren die Stadt sich gegen den IS erfolgreich verteidigte, macht man sich auch Sorgen. Damals wurde der Sieg nicht nur mit einem extrem hohen Blutzoll bezahlt, sondern auch mit einer weitgehenden Zerstörung der Stadt. Vom Trümmerfeld, das der IS hinterließ, ist heute nur noch wenig zu sehen. Kobane ist ohne große internationale Beteiligung zu 90 Prozent wieder aufgebaut.

Kobane wird sich erneut wehren

Die meisten Bürger Kobanes besitzen nach sieben Jahren Bürgerkrieg nicht einmal einen gültigen syrischen Pass, wenn sie denn je einen hatten. Wer einen beantragen will, muss eine gefährliche Reise nach Aleppo auf sich nehmen. Dabei spricht es sich mittlerweile herum, dass das Regime inzwischen viel schärfer kontrolliert und auch Frauen damit rechnen müssen, verhaftet zu werden, wenn sie sich irgendwie an der Autonomieverwaltung Nordostsyriens beteiligen. Männern droht schlimmeres: Neben Haft und Folter möglicherweise auch die Zwangsrekrutierung für die syrische Armee. Und so zählt es unter den Kurden der Region auch zu den Kriegsvorbereitungen, sich Wege zu überlegen, wie man im Notfall zu irgendwelchen Dokumenten kommen könnte, die einem zumindest die Flucht in den Irak ermöglichten.

Gespräche mit dem Regime

Andererseits laufen hinter den Kulissen Gespräche mit dem Regime. Seit der Abzugsankündigung Trumps ist klar, man könne nur mit einer Art Verständigung mit Russland und dem Regime zumindest Teile der errungenen Freiheiten behalten. Viele hoffen, Regimetruppen könnten nur an den Außengrenzen Syriens stationiert und möglichst viel Autonomie zumindest für die kurdischen und assyrischen Gebiete bewahrt werden. Ein solcher Kompromiss hängt vor allem von Russland ab, ohne das in Damaskus nichts entschieden wird. Russland kann das Regime zu einem Kompromiss drängen. Es kann aber auch die Kriegsdrohungen der Türkei nutzen, um die Kurden und ihre Verbündeten so stark unter Druck zu setzen, damit diese die Rückkehr des Regimes akzeptieren.

In Manbidsch, dem Hauptort des westlich des Euphrat gelegenen Autonomiegebietes, hat sich die Lokalverwaltung bereits darauf festgelegt, die Stadt im Ernstfall vollständig dem Regime zu übergeben, als sie der Türkei auszuliefern. Die mehrheitlich arabische Stadt, mit kurdischen, tscherkessischen und turkmenischen Minderheiten, wird von arabischen Verbündeten der YPG, dem sogenannten Militärrat von Manbidsch kontrolliert. Bereits seit einigen Tagen patroullieren an der Demarkationslinie zwischen Manbidsch und den türkisch besetzten Regionen amerikanische und russische Militärs. Damit soll der Türkei klar gemacht werden, ein Angriff von dieser Seite werde nicht geduldet. In einigen Abschnitten sind auch Einheiten der Syrischen Armee mit Zustimmung des Militärrates nachgerückt. Die Stadt selbst wurde hingegen nicht der syrischen Armee übergeben. Stadt und umliegende Dörfer werden weiterhin von der Autonomieverwaltung Nordostsyriens kontrolliert.

Aufbau einer multiethnischen Verwaltung

Diese versucht über ein Viertel des syrischen Staatsgebietes zu verwalten. Die kurdischen Gebiete sind dabei deutlich weniger als die Hälfte des Territoriums. Um der Multiethnizität des Gebietes gerecht zu werden, wurde dieses nicht nur in Nordostsyrien umbenannt, sondern auch der Sitz der Verwaltung in eine arabische Kleinstadt südöstlich von Kobane, nach Ain Issa, verlegt. Hier sitzt jener Teil der syrischen Opposition, der sich nicht ins Ausland abgesetzt hat oder zu den verschiedenen islamistischen Milizen übergelaufen ist.

Bild: Thomas Schmidinger
Checkpoint der Miliz des arabischen Schammar-Stammes.

Der Syrische Demokratische Rat umfasst arabische, kurdische, christliche und turkmenische Gruppen, darunter auch Vertreter der säkularen Teile der ehemaligen Freien Syrischen Armee, die seit 2015 mit der kurdischen YPG in den Syrischen Demokratischen Kräften vereint sind. Der gemeinsamen Verwaltung ist es gelungen gemeinsame staatliche Strukturen aufzubauen. Eine reguläre Polizei übernahm die meisten Checkpoints, die früher von Milizen kontrolliert wurden.

Lediglich in einigen arabischen Gebieten sind noch Checkpoints arabischer Stammesmilizen und in einigen christlich-aramäischen Orten die christliche Polizei Sutoro zu finden. Ansonsten übernimmt die

innere Sicherheit nur die Polizei mit ihrer politisch und ethnisch neutralen Symbolik und ihren zweisprachigen Aufschriften in Arabisch und Kurdisch.

Für die mit den Kurden verbündete arabische Opposition ist die derzeitige Entwicklung noch gefährlicher als für die Kurden selbst. Bei Versuchen als Syrischer Demokratischer Rat mit Russland ins Gespräch zu kommen, wurde den kurdischen Vertretern deutlich signalisiert, dass man zu Verhandlungen mit ihnen bereit wäre, nicht aber mit der arabischen Opposition. Sollte Nordostsyrien gezwungen sein, sich beim Regime Schutz vor der Türkei zu suchen, wäre es mit einer Alternative zum Regime für lange Zeit vorbei.

Für die Christen wäre ein Einmarsch der Türkei ohnehin eine Katastrophe. Weder die aramäischsprachigen, noch die armenischen Christen können sich vorstellen unter türkischer Besatzung zu leben. Zu lebendig ist deren Erinnerung an den Genozid von 1915.

Neuer Zusammenhalt oder Rückkehr des Regimes?

Die Drohungen der Türkei könnten den Zusammenhalt der verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen Nordostsyriens stärken. Unter türkischer Besatzung will hier niemand leben. Selbst ein Teil der kleinen turkmenischen Minderheit bei Manbidsch beteiligt sich an der Autonomieverwaltung. Eine Rückkehr des Regimes wäre aber ein Ende jeglicher Alternative zum extrem autoritären Regime der regierenden Baath-Partei Baschar al-Assads. Auch wenn hier viele darin ein geringeres Übel sehen als ein Einmarsch der Türkei, so wäre dies doch eine Wahl zwischen zwei Katastrophen. Der weitgehende Sieg des Regimes, der Rückzug der USA und die Drohungen aus der Türkei lassen aber wenig Spielraum. Deshalb hoffen viele, dass sich zumindest Kompromisse mit Damaskus aushandeln lassen und wenigstens ein Teil der Autonomie zu retten sein wird.

Thomas Schmidinger ist Politikwissenschafter, lehrt an der Universität Wien und der Fachhochschule Oberösterreich. Er ist der Autor von "Kampf um den Berg der Kurden" (Bahoe books, 2018) und "Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan" (Mandelbaum Verlag, 2014).

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Bild: Thomas Schmidinger
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