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Niklas Franzen

Brasiliens anderer Politiker

Der Wind pfeift über das Dach des Reichstags, ein grauer Schleier hängt über Berlin. Guilherme Boulos schlendert an einer Touristengruppe vorbei zu einer Seite der Aussichtsplattform. Die Zeit drängt, der Kalender ist voll. Doch bevor der nächste Termin beginnt, will er noch sehen, wo der sowjetische Soldat von dem bekannten Foto gestanden hat. Damals, als die Rote Armee in Berlin einmarschierte und der Faschismus in Deutschland endete.

Boulos kommt aus Brasilien, ist Politiker, Aktivist, Intellektueller und ein bisschen auch die Antithese zum künftigen Präsidenten des größten Landes Lateinamerikas: Jair Bolsonaro. Für die einen ist der Ex-Militär so etwas wie ein Messias mit Knarre, für die anderen ein brasilianischer Faschist. Am 1. Januar hat der Rechtsradikale den wichtigsten Job des Landes übernommen. Für Menschen wie Boulos könnte es gefährlich werden. »Wir durchleben die schlimmste Zeit seit den finsteren Jahren der Militärdiktatur«, sagt Boulos später bei Kaffee und Keksen in der Parteizentrale der LINKEN. Nach Europa ist er gereist, um auf die Situation in seiner Heimat aufmerksam zu machen. Um Kontakte zu knüpfen. Und um kurz durchzuschnaufen.

Die Karriere des 36-Jährigen begann dort, wo die asphaltierten Straßen enden, wo die wenigsten Menschen eine Postadresse haben, man abends auch mal Schüsse hört. Die Randgebiete von São Paulo umgeben die wohlhabenden Innenstadtbezirke wie ein dichter Wald aus Backstein und Wellblech. Hier ist die Wohnungslosenbewegung MTST zu Hause. Mit spektakulären Besetzungen versucht die Bewegung, Leerstand für arme Familien nutzbar zu machen und die himmelschreienden Ungleichheiten in Brasiliens Städten anzuklagen.

Im Jahr 2002 schloss sich der junge Studentenaktivist Boulos den Wohnungslosen an. Dabei wuchs er selbst in relativ behüteten Verhältnisse auf, sein Vater ist Professor für Medizin. Boulos studierte an der renommiertesten Universität Brasiliens, der Universität von São Paulo, und gab Kurse in Psychoanalyse. Statt einer Karriere im akademischen Betrieb widmete er sich jedoch dem Kampf gegen die Wohnungsnot.

Im Jahr 2003 koordinierte Boulos eine Besetzung auf einem Gelände von VW im Industriegürtel von São Paulo. In den folgenden Jahren entwickelte sich der redegewandte Intellektuelle, der selbst für einige Zeit in einem besetzten Haus lebte, immer mehr zum Gesicht der Wohnungslosen: Er schrieb Bücher, stritt sich in TV-Debatten, verfasste eine wöchentliche Kolumne in der zweitgrößten Tageszeitung des Landes.

Im Jahr 2014 besetzte die MTST ein leerstehendes Gelände unweit des WM-Stadions in São Paulo und drohte, den Ablauf des Megaevents zu stören. Im fußballverrückten Brasilien gelang es den Wohnungslosen damit, ihre Anliegen geschickt auf die Agenda zu setzen, der charismatische Boulos wurde zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Doch warum besetzen Menschen in Brasilien eigentlich? Boulos rechnet vor: »Es ist ganz einfach. Sieben Millionen Menschen haben in Brasilien kein Dach über dem Kopf, gleichzeitig stehen sieben Millionen Häuser leer.«

Im März 2018 wurde Boulos überraschend von der Partei Sozialismus und Freiheit (PSOL) zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahl aufgestellt - obwohl er nicht mal Parteimitglied war. Die PSOL wurde als Linksabspaltung von unzufriedenen Politiker*innen der Arbeiterpartei PT gegründet. Die Nominierung des Wohnungslosenaktivisten war nicht unumstritten, trotzdem führte Boulos zusammen mit der indigenen Aktivistin Sônia Guajajara einen offensiven Wahlkampf. Dem untypischen Politduo gelang es, linke Akzente mit Themen wie Wohnraum, Indigenen-Rechte, Feminismus und LGBT-Politik zu setzen.

Boulos’ Bart ist im Wahlkampf länger geworden, die Rhetorik geschliffener. Allerdings ist er kein klassischer Politiker. Beim Besuch in Berlin trägt Boulos ein schlichtes Hemd und Jeans. Während die meisten anderen Präsidentschaftskandidat*innen Millionen auf ihren Konten hatten, ist Boulos einziger beim Wahlgericht deklarierter Besitz ein Auto im Wert von etwas mehr als 3000 Euro. Bis heute lebte er mit seiner Frau - ebenfalls MTST-Aktivistin - und seinen zwei Kindern in einem kleinen Haus in der Peripherie von São Paulo. Nicht wenige bezeichnen Boulos heute als die wichtigste linke Stimme Brasiliens, einige sprechen sogar vom neuen Lula. Dennoch: Boulos holte bei der Wahl noch nicht einmal ein Prozent der Stimmen. Ob er enttäuscht über das Wahlergebnis sei? Nein, denn die diesjährige Wahl sei anders als sonst gewesen. »Angst und Hass haben diesen Wahlkampf geprägt. Dagegen war es schwierig, anzukommen.« Viele Wähler*innen hätten außerdem aus taktischen Gründen für andere Kandidaten gestimmt, um die Wahl von Bolsonaro doch noch irgendwie zu verhindern - vergeblich.

Mit der Wahl des Ex-Militärs ist für viele Brasilianer*innen die Katastrophe eingetreten, linke Aktivist*innen fürchten um ihre Zukunft. Bolsonaro hatte im Wahlkampf erklärt, soziale Bewegungen als terroristische Vereinigungen einstufen zu lassen und »die roten Verbrecher« aus dem Land zu werfen. Im Kongress könnte schon bald ein Anti-Terror-Gesetz verabschiedet werden, das Brasilianer*innen bereits durch ein Like bei Facebook unter Terrorverdacht stellen könnte. Auch gegen Boulos sprach Bolsonaro mehrfach Drohungen aus.

Seit Monaten geht er deshalb nur noch mit Personenschützern auf die Straße. »Das Klima der Gewalt bedroht alle Menschen, die für soziale Rechte kämpfen«, sagt er. Und die Gefahr ist real: Vergangene Woche konnte ein Mordanschlag auf den linken Politiker Marcelo Freixo verhindert werden, im März wurde Boulos' Parteikollegin Marielle Franco in Rio de Janeiro auf offener Straße hingerichtet. Aktivisten der Landlosenbewegung MTST sind mehr denn je im Visier der Rechten. Es sei aber wichtig, sich von der Angst nicht lähmen lassen. »Mutig zu sein bedeutet nicht, keine Angst zu haben«, sagt Boulos, »sondern trotz der Angst, weiterzukämpfen«.

Niklas Franzen arbeitete in Berlin und São Paulo als freier Journalist. Seit April 2018 ist er als Redakteur bei ndaktuell. Dort beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit sozialen Bewegungen, Rechtsradikalismus und alternativer Kultur.

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Dieser Artikel erschien zunächst am 23.12.2018 in Neues Deutschland

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